Warum sind „alte“ Leit­stellen-Raum­konzepte kontra­produktiv?

Warum sind „alte“ Leitstellen-Raumkonzepte kontraproduktiv?
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Alte Denkmuster auch beim Leitstellenbau

Unbegreiflicher Weise werden nach wie vor Leitstellen gebaut oder erneuert, die sich damit förmlich rühmen, möglichst viele Bildschirme nebeneinander anzuordnen. Vielmehr ist es allein schon auf Grund der aktuell verfügbaren Bildschirmgrößen nicht sinnvoll mehr als zwei Bildschirme nebeneinander anzuordnen.

Nicht der Mitarbeiter muss sich die Informationen auf den Screens zusammensuchen, sondern die Software bzw. das System muss die jeweils wichtige Information im Blickfeld des Mitarbeiters anzeigen. Intelligente Leitstellensysteme blenden dem Mitarbeiter immer nur jene Informationen ein, die für die aktuelle Tätigkeit relevant oder wichtig sind.

Die pultartige Anordnung diverser Elemente steht einer optimalen Arbeitsweise geradezu diametral entgegen, ist doch die Vollintegration aller digitalen Systeme heute einfach möglich, sodass „eine Tastatur und eine Maus in einem System“ leicht realisierbar ist.

Oft ist sogar noch das Internet verpönt und eine „Gefahr“

Ohne die Vollintegration des Internets mit all den seinen Diensten von Google bis Facebook und Amazon bis WhatsApp in einer Leitstelle zu arbeiten, ist wie einen 100-Meterlauf mit einer Eisenkugel am Bein zu absolvieren. Praktisch alle für den optimalen Leitstellenbetrieb nötigen Informationen stehen im Internet meist besser zur Verfügung, als sie in den proprietären Einsatzleitsysteme je erfasst werden könnten.

Die Betonung liegt dabei bei der Vollintegration, viele haben Internet nur auf „separaten“ Bildschirmen zur Verfügung, viel mühsamer geht es eigentlich ja gar nicht mehr …

Komplett alte Raumkonzepte mit Videowalls

Auch in Bezug auf moderne Raumkonzepte für Leitstellen scheint die Zeit vielfach stehengeblieben zu sein. Die Anordnung der riesigen Leitstellentische mit gemeinsamer Blickrichtung zu einer Videowall war vielleicht vor vielen vielen Jahren einmal nützlich, alle für die Mitarbeiter nötigen Informationen sollten aber nicht auf einer zentralen „Anzeigetafel“ aufscheinen, sondern wenn benötigt (und nur dann) direkt im Blickfeld des Mitarbeiters auf seinem Bildschirm.

Videowalls sind vielleicht ein nettes Gadget für Besucher, im sinnvollen Prozessablauf einer modernen Leitstelle haben sie aber sicher nichts mehr verloren.

Überhaupt ist die optimale Anordnung von Calltakerplätzen eher in lärmmindernden Callcenterbuchten und die von Disponenten im kommunikativen Kreis als hintereinander wie in einer Schulklasse. Die antiquierte Anordnung von Leitstellentischen hintereinander führt sogar dazu, dass die Kommunikation innerhalb des Raumes erschwert ist, kämpfen doch die extra eingebauten lärmreduzierenden Maßnahmen gegen die Kommunikationsbedürfnisse der Mitarbeiter an.

Selbstredend sind die Arbeitsplatzerfordernisse von Calltakern, Disponenten, Telefonberatern oder vom Supervisor völlig unterschiedlich, weswegen auch die Arbeitsplätze in Bezug auf Ausstattung und Funktionalität unterschiedlich sein können, und eigentlich aus Kostengründen auch sein müssen.

Machen nicht Cloud-Systeme Sinn in modernen Leitstellen?

JA, durch die Ausrichtung auf Cloudsysteme ist es völlig egal wo die Mitarbeiter sitzen, sie können auch aufgeteilt auf mehrere Standorte oder im Homeoffice tätig werden. Kriterium ist einzig eine stabile Internetverbindung und ein PC mit Headset, Tastatur und Maus. Mehr braucht es nicht mehr …. alle Systeme sind digitalisiert und benötigen am Arbeitsplatz keine besondere Infrastruktur mehr.

Woher kommen die veraltenen Vorgaben zu großen Flächen?

Die teilweise empfohlene Planungsgröße von 25 Quadratmetern pro Disponentenarbeitsplatz ist in ihrer Dimensionierung völlig überzogen und in vielerlei Hinsicht nicht mehr zeitgemäß. Diese Zahl stammt aus einer Ära, in der technische Geräte groß, Wärmeentwicklung hoch und physische Abgrenzung zwischen Arbeitsplätzen notwendig waren. Die Realität moderner Leitstellen sieht heute jedoch ganz anders aus: digitale Systeme, platzsparende Ergonomie und cloudbasierte Infrastrukturen ermöglichen eine viel effizientere und schlankere Raumplanung – ohne Abstriche bei Arbeitsqualität oder Arbeitsschutz.

Praxisorientierte Alternativen zu diesen überdimensionierten Flächenansätzen schlagen vor, Disponentenarbeitsplätze in modularen Raumzonen zu denken: mit klarer Trennung in ArbeitsbereichKommunikationsbereichPausenzonen und einem flexibel nutzbaren Krisenraum – alles unter optimierter Flächennutzung von etwa 10–15 m² pro Arbeitsplatz. Entscheidend ist dabei nicht die Quadratmeterzahl, sondern die funktionale Qualität des Raumes: Sichtachsen, Lichtführung, akustische Entkopplung und Raumklima stehen im Mittelpunkt.

Zudem ermöglichen virtuelle Leitstellenstrukturen, wie wir sie vorschlagen, auch eine Entzerrung der Arbeitsplätze über mehrere Standorte hinweg – was die Notwendigkeit großer Zentralräume grundsätzlich infrage stellt. Raumplanung wird dadurch dynamisch, dezentral und resilient.

In Zeiten des Fachkräftemangels, wachsender Digitalisierungsanforderungen und angespannter öffentlicher Haushalte ist es nicht verantwortbar, an überholten Flächenvorgaben festzuhalten, die sowohl in der Investitions- als auch in der Betriebskostenstruktur enorme Lasten verursachen. Stattdessen braucht es intelligente, zweckoptimierte Raumkonzepte, mit weniger Fläche, aber mehr Wirkung.

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