SINNHAFT– die Merkhilfe für die standardisierte Übergaben in der zentralen Notaufnahme

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"SINNHAFT" ist eine standardisierte Struktur für die Patientenübergabe in der zentralen Notaufnahme. Entwickelt in Bonn von Prof Dr. Gräff und seinem Team, unterstützt SINNHAFT Ärzte, Pflegekräfte und den Rettungsdienst dabei, in kritischen Situationen schnell, präzise und vollständig zu kommunizieren – für mehr Sicherheit und Effizienz in der Notaufnahme.

Warum eine standardisierte Übergabe?

In der Notaufnahme entscheidet klare Kommunikation über Tempo und Sicherheit. Eine einheitliche Struktur vermeidet Informationsverluste, beschleunigt Entscheidungen und schafft eine gemeinsame Sprache zwischen Rettungsdienst, Pflege und Ärzteteam.

  • SCHNELLER ÜBERBLICK vom Leitsymptom bis Maßnahmen - in logisch gleicher Reihenfolge
  • WENIGER FEHLER wesentliche Angaben werden nicht mehr vergessen oder doppelt erfragt
  • TEAM-EFFIZIENZ alle Beteiligten denken im selben Raster – Übergaben sind kürzer und klarer

Die Übergabe an der Schnittstelle zur zentralen Notaufnahme ist von zentraler medizinischer und juristischer Bedeutung, da sie die präklinische Versorgung abschließt und eine optimale Weiterbehandlung ermöglicht. Auf Grundlage eines Konsensuspapiers von 2020 wurde dazu ein Delphi-Verfahren nach AWMF-Regularien mit 52 Experten durchgeführt, dessen Ergebnisse dann im Juni 2023 publiziert wurden. Daraus entstand die evidenzbasierte Merkhilfe SINNHAFT , die erstmals Übergabeinhalte standardisiert und Aspekte des Crew Resource Management (CRM) integriert.

Neben DGINA (Deutsche Gesellschaft für Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin e. V.) und BAND e.V. (Bundesarbeitsgemeinschaft der Notärzte Deutschlands)empfiehlt auch der Notfallguru die Verwendung von SINNHAFT

Der Aufbau von SINNHAFT

.BuchstabeInhalt / Leitfragen
S StartBeginn der Übergabe durch übergebende Person
- Klares Signal für Beginn der Übergabe setzen
- möglichst Ruhe einhalten
- alle Manipulationen/Tätigkeiten am Patienten vermeiden
- Face-to-Face-Kommunikation
IIdentifikationNennung der Patientendaten
- Geschlecht
- Nachname
- Alter (nicht Geburtsdatum)
NNotfallereignisBeschreibung des Notfallereignisses anhand der Kernfragen:
- Was? (Leitsymptom/Verdachtsdiagnose)
- Wie? (Ursache)
- Wann? (Zeitpunkt des Ereignisses)
- Optional: Wo/woher? (Ort, Auffindesituation)
NNotfallprioritätBehandlungspriorität anhand des ABCDE-Schemas mit dazugehörigen pathologischen Untersuchungsbefunden und Vitalparametern.
- Airway
- Breathing
- Circulation
- Disability
- Exposure/Environment
HHandlungenErwähnung der (prä)klinisch durchgeführten Maßnahmen.
- Dosis/Umfang/Zeitpunkt
- Wirkung
- falls zutreffend: bewusst unterlassene Maßnahmen
AAnamneseAnamnesebestandteile, für die weitere Behandlung relevant, z.B.:
- Allergien
- Vorerkrankungen
- Medikation
- Soziale Aspekte (z.B. Patientenverfügung, häusliche Gewalt etc.)
- Infektionen
- weitere Besonderheiten (DNR, DNI etc.)
FFazitZusammenfassende Wiederholung durch das aufnehmende Personal im Sinne einer Closed-loop-Kommunikation von:
- Ereignisbeschreibung
- Prioritätenbeschreibung und durchgeführte Maßnahmen
TTeamfragenMöglichkeit für zusätzliche Fragen aus dem aufnehmenden Team

Wichtige Erläuterungen:

Es besteht eine direkte Verknüpfung der Punkte "Notfallpriorität" und "Handlungen", weil sie das „Warum?“ und das „Was?“ logisch miteinander verbindet. Die Notfallpriorität definiert den Handlungsbedarf und die Handlungen dokumentieren die konkrete Umsetzung. Ein typischer Satz in der Übergabe könnte lauten: „Wir haben ein B-Problem mit Hypoxie festgestellt; daraufhin haben wir Sauerstoff gegeben und den Patienten intubiert, mit anschließender Besserung der SpO₂.“

Die maximale Dauer von 120 Sekunden für die Übergabe eines komplexen (Notfall‑)Patienten sollte nicht überschritten werden. Hierbei empfiehlt sich zum einen ein stakkatoartiger Übergabestil mit expliziter Nennung der einzelnen Teilaspekte. 

Wenn Informationen nicht vorhanden sind, wird dieser Sachverhalt bei der Übergabe kommuniziert. Ist also z. B. das Alter bei der Übergabe nicht bekannt, sollte dieser Übergabeinhalt trotzdem nicht ausgelassen werden.

Ein kurzes Beispiel

S – Start: „Wir beginnen jetzt mit der Übergabe, bitte kurz Ruhe.“
I – Identifikation: „Männlich, Herr Müller, 45 Jahre.“
N – Notfallereignis: „Verkehrsunfall, Motorrad gegen Pkw, seit ca. 25 Minuten, Auffindung am Unfallort, keine Einklemmung.“
N – Notfallpriorität: „A: frei, B: AF 28/min, SpO₂ 90 % unter Raumluft, C: RR 80/50, HF 130/min, D: GCS 13, E: offene Unterschenkelfraktur links, instabiler Beckenring.“
H – Handlung „High-Flow-O₂ über Maske, 2x i.v. Zugang, 1.000 ml Kristalloid, Analgesie mit Ketamin, Beckenschlinge angelegt, Unterschenkel geschient.“
A – Anamnese „Keine bekannten Vorerkrankungen laut Angehörigen, keine Dauermedikation, keine Allergien bekannt.“
F – Fazit „Zusammengefasst: Herr Müller, 45 Jahre, Motorradunfall, kritisch instabiler Kreislauf, O₂-Gabe, Volumengabe, Analgesie, Beckenschlinge, Schienung.“
T – Teamfragen„Gibt es Rückfragen oder sofortige Maßnahmenwünsche?“

Unser Fazit & Ausblick

SINNHAFT bietet erstmals eine evidenzbasierte und strukturierte Grundlage zur Übergabe an der Schnittstelle Rettungsdienst → ZNA, entwickelt in Deutschland.

Die konsequente Umsetzung dieser Merkhilfe als Standard in Deutschland kann dazu beitragen, Informationsverluste zu vermeiden, Verantwortung klar zu übertragen und eine sichere, zielgerichtete Weiterbehandlung zu gewährleisten.


Disclaimer: Die hier vorgestellte Lösung ist eine Möglichkeit auf diesem Gebiet. Die Björn Steiger Stiftung findet diese Lösung aber so gut, dass wir sie hier vorstellen, ohne dafür eine Abgeltung oder Vergütung in irgend einer From zu bekommen oder irgendwie an der Entwicklung oder Umsetzung dieser Lösung beteiligt oder involviert zu sein.

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