Reform der Notfallversorgung: Wichtiger Schritt – aber kein Systemwechsel

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Björn Steiger Stiftung begrüßt Referentenentwurf, fordert jedoch entschlossenere Reform der Leitstellenstrukturen und bundesweite Qualitätssteuerung

Die Björn Steiger Stiftung begrüßt den am 5. November 2025 veröffentlichten Referentenentwurf des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) zur Reform der Notfallversorgung als wichtigen und längst überfälligen Schritt zur Modernisierung des deutschen Rettungswesens. Der Entwurf greift zentrale Forderungen der Stiftung auf und erkennt die medizinische Notfallrettung erstmals als eigenständige Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung an. Damit wird die Notfallrettung endlich als Teil der Gesundheitsversorgung verstanden – nicht mehr lediglich als Transportleistung.

Besonders positiv bewertet die Stiftung die gesetzliche Einführung standardisierter digitaler Ersteinschätzungsverfahren, die eine einheitliche, qualitätsgesicherte und nachvollziehbare Notrufabfrage ermöglichen. Ebenso begrüßt wird die geplante Vernetzung von Rettungs- und Akutleitstellen (112 und 116117) sowie die Einführung telemedizinischer und aufsuchender Dienste im ärztlichen Bereitschaftsdienst. Auch die geplanten integrierten Notfallzentren, die Notaufnahmen, KV-Praxen und Ersteinschätzungsstellen zusammenzuführen, folgt einem zentralen Leitbild der Stiftung: Notfallversorgung aus einer Hand.

Trotz dieser Fortschritte bleibt der Entwurf in wesentlichen Punkten hinter den Erwartungen zurück. So hält er an der Trennung zwischen 112- und 116117-Leitstellen fest und setzt lediglich auf eine technische Vernetzung statt auf eine wirklich integrierte und interoperable Leitstellenlandschaft. Damit wird eine große Chance vertan, die Steuerung von Notfällen bundesweit einheitlich und digital verknüpft zu gestalten. Kritisch sieht die Stiftung zudem, dass weder verbindliche Qualitätsstandards noch Zertifizierungen oder systematische Audits für Leitstellen und Disponentinnen und Disponenten vorgesehen sind. Auch die Einbindung moderner europäischer Kommunikationsstandards wie zum Beispiel Multimedia-Notrufen bleibt vage. Die vorgesehene Anschubfinanzierung für die Leitstellen-Digitalisierung in Höhe von 225 Millionen Euro reicht nach Einschätzung der Stiftung nicht aus, um eine nachhaltige Strukturveränderung zu sichern.

Die Björn Steiger Stiftung fordert daher eine konsequentere Weiterentwicklung des Gesetzes. Notwendig seien bundesweit abgestimmte Leitstellenstandards, gemeinsame Dispositions- und Schnittstellenstrukturen sowie eine dauerhafte Finanzierung der Digitalisierung. Zudem müsse ein zentrales Leitstellen- und Notfallregister eingerichtet werden, um Qualität und Wirksamkeit der Notfallversorgung transparent zu messen und zu steuern. Nur mit klaren bundesweiten Vorgaben könne verhindert werden, dass erneut ein föderaler Flickenteppich entsteht, der den Fortschritt ausbremst.

„Die Anerkennung der Notfallrettung als medizinische Leistung ist ein historischer Schritt“, erklärt Christof Chwojka, Geschäftsführer der Björn Steiger Stiftung. „Doch ohne einheitliche Leitstellen, verbindliche Qualitätsvorgaben und eine nachhaltige Digitalstrategie bleibt die Reform unvollständig. Wir brauchen jetzt den Mut, den begonnenen Weg zu einer modernen, vernetzten und patientenzentrierten Notfallversorgung konsequent zu Ende zu gehen.“

Der Referentenentwurf öffnet nach Ansicht der Stiftung die Tür zu einer echten Reform, verharrt jedoch in föderalen Kompromissen. Die Björn Steiger Stiftung appelliert an die Bundesregierung und die Länder, die Chance für eine zukunftsfähige, digital vernetzte und qualitativ gesicherte Notfallversorgung nicht ungenutzt zu lassen.

Weitere Informationen unter: Referentenentwurf eines Gesetzes zur Reform der Notfallversorgung - Rettungslandschaft

Über die Björn Steiger Stiftung:
Die Björn Steiger Stiftung wurde 1969 von Ute und Siegfried Steiger gegründet, nachdem ihr Sohn nach einem Verkehrsunfall an den Folgen unzureichender Notfallversorgung verstarb. Seitdem engagiert sich die Stiftung unermüdlich für die Verbesserung des Rettungswesens in Deutschland. Zu ihren wegweisenden Initiativen zählen unter anderem die Einführung der Notrufnummern 110/112, Gründung und Aufbau der Deutschen Rettungsflugwacht (DRF) sowie die Einrichtung von Notrufsäulen an Bundes- und Landstraßen. Die Stiftung verfolgt das Ziel, auf Missstände im Bereich der Notfallhilfe aufmerksam zu machen, den öffentlichen Diskurs anzustoßen und mit eigenen Projekten, wie dem Baby-Notarztwagen oder Herzsicher, und konkreten Lösungen zu einer besseren Notfallversorgung beizutragen – so auch 2025 mit der Einreichung einer Verfassungsbeschwerde zur Schaffung einheitlicher Regelungen im Rettungsdienst. Seit 2024 engagiert sich die Stiftung in konsequenter Weiterentwicklung ihrer Geschichte mit einem eigenen Bereich in der Vermeidung von Verkehrsunfällen.  

Weitere Informationen unter: www.steiger-stiftung.de

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