Wie viele Leitstellen braucht man? – Deutschland im internationalen Vergleich

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Deutschland gilt seit Jahrzehnten als Land mit einem besonders dichten Netz an Rettungsleitstellen. Doch wie viele Leitstellen gibt es tatsächlich – und wie steht Deutschland im europäischen Vergleich da?

Mit Stand November 2025 betreiben die deutschen Bundesländer 244 Rettungsleitstellen, nahezu alle als sogenannte integrierte Leitstellen (ILS), die sowohl Rettungsdienst als auch Feuerwehr disponieren. Diese Struktur entstand schrittweise seit den 1990er-Jahren und hat sich in den meisten Bundesländern gesetzlich verfestigt. Bayern hat beispielsweise exakt 25 Integrierte Leitstellen, Baden-Württemberg 37, Nordrhein-Westfalen 47 und Niedersachsen 35. Kleinere Bundesländer wie Bremen oder das Saarland kommen mit einer einzigen zentralen Leitstelle aus, aber auch das bevölkerungsreiche Hamburg und sogar Berlin mit knapp 4 Millionen Einwohnern benötigen nur jeweils eine integrierte Leitstelle.

Damit betreibt Deutschland im Verhältnis zu seiner Bevölkerung – rund 83 Millionen Einwohner – eine Leitstelle pro etwa 330.000 Menschen. Diese Dichte ist im europäischen Vergleich einzigartig.

Ein Blick über die Grenzen zeigt: In der gesamten Europäischen Union (ohne Deutschland) existieren schätzungsweise rund 416 medizinische Leitstellen. Zusammengenommen ergibt das etwa 666 Rettungsleitstellen in der EU. Deutschland stellt also knapp 40 Prozent aller Leitstellen in der Europäischen Union – obwohl hier weniger als ein Fünftel der EU-Bevölkerung lebt.

Andere Länder arbeiten deutlich zentralisierter. Frankreich etwa verfügt über rund 100 „SAMU“-Zentralen („centres 15“), die alle medizinischen Notrufe koordinieren. Italien hat etwa 65 „centrali operative 118“. Rumänien betreibt 42 Kreisleitstellen, Spanien etwa 26 regionale Koordinationszentren. Kleinere Länder wie Österreich (9)Dänemark (5) oder Finnland (6) arbeiten mit landesweit abgestimmten Strukturen und homogener Technik – teils mit nationalen 112-Plattformen, die alle Notrufe zentral entgegennehmen und weiterleiten.

Der deutsche Sonderweg hat offenbar vor allem historische und föderale Gründe

Rettungsdienst und Gefahrenabwehr sind in Deutschland Ländersache, oft sogar in kommunaler Verantwortung. Jede Region entwickelte eigene Strukturen, Softwarelösungen und Alarmierungswege. Diese Vielfalt erschwert aber Standardisierung und Datenaustausch.

Mit dem Übergang zu Next Generation 112 (NG112) und cloudbasierten Dispositionssystemen wird diese Fragmentierung zunehmend zu einer Herausforderung. Künftig müssen Leitstellen in der Lage sein, nicht nur Sprach-, sondern auch Text-, Video- und Sensordaten zu verarbeiten – idealerweise in einem europaweit interoperablen Netz. Länder mit zentralen Strukturen können solche Innovationen schneller flächendeckend einführen.

Deutschland steht daher vor einer Grundsatzfrage

Wie viel Dezentralität ist sinnvoll – und wo beginnt Ineffizienz? Während in anderen EU-Ländern fünf bis zehn Leitstellen das gesamte Land abdecken, gibt es in Deutschland Regionen mit Leitstellen im 30-Kilometer-Abstand.

Ein europäischer Vergleich zeigt: Mehr Leitstellen bedeuten nicht automatisch mehr Sicherheit. Entscheidend ist, wie gut sie technisch vernetzt, personell besetzt und organisatorisch integriert sind. Für die Zukunft könnte also weniger die Zahl der Leitstellen, sondern deren Qualität und Interoperabilität über die Leistungsfähigkeit der Notrufsysteme in Europa entscheiden.

Die Zahl der Leitstellen beeinflusst Reaktionszeiten, Personalbedarf und Kosten. Deutschland zeigt hier Schwächen und auch Effizienzprobleme.

Der europäische Vergleich

LandZahlHinweisLink zur Datenquelle
Deutschland244
Belgien10nach Provinzenje eine pro Provinz + Brüssel (Healthy Belgium)
Bulgarien28je Provinz Rettungsdienst-Dispecherat28 Bezirks-Zentren für Notfallmedizin (Novinite)
Kroatien21je Gespanschafteine pro Gespanschaft (ETSC)
Zypern1zentrales Ambulanz-Control RoomAmbulance Control Centre (okypy)
Tschechien14regionale Leitstelleneine je Region inkl. Prag (Zachranna Sluzba)
Dänemark5eine pro Regionje eine pro Region (PMC)
Estland4regionale 112/EMS-Leitstellen4 regionale 112-Zentren (EENA)
Finnland6regionale EMS-Operation CentresEmergency Response Centre Agency (112.fi)
Frankreich100SAMU/centre 15 Koordination100 SAMU / “centre 15” (DREES)
Griechenland12EKAB-Zentralen12 EKAB-Zentralen (Data Journalists)
Ungarn77 Regionen des OMSZentspricht den 7 regionalen Rettungsorganisationen des OMSZ (ORSZÁGOS MENTŐSZOLGÁLAT)
Irland2nationales + Dublin RettungEin nationales NEOC auf 2 Standorte + eine eigene Leitstelle der Dublin Fire Brigade für Rettung (National Ambulance Service)
Italien65centrali operative 11865 centrali operative 118 (Stand 2024) (documenti.camera.it)
Lettland3regionale Rettungs-LeitstellenDrei regionale 112-/EMS-Zentren in Riga, Cesis, Jelgava (vugd.gov.lv)
Litauen2nationale 112/EMS-ZentrenZwei nationale 112-Zentren (Vilnius, Klaipėda) – heute alles dort gebündelt (bpc.lrv.lt)
Luxemburg1nationales 112/EMSEine nationale 112-Leitstelle (Guichet)
Malta1112/Ambulance-CREin gemeinsamer 112-/Ambulance-Control-Room (pulizija.gov.mt)
Niederlande10Meldkammern mit EMS-Koordination10 gemeinsame 112-Meldkammern (Nederlands Instituut Publieke Veiligheid)
Österreich9Eine Leitstelle pro Bundesland9 Landesleitstellen, unterschiedlich direkt von den Ländern oder vom RK betrieben
Polen18med.Dispostellen18 medizinische Disponentenstellen (soll 2025 auf 22 erhöht werden (kadry.infor.pl)
Portugal4CODU Rettungszentren4 CODU (Lisboa, Porto, Coimbra, Faro) – Seefunk-CODU extra (nicht mitgezählt) (inem.pt)
Rumänien42je Kreis + Bukarest/Ilfov42 (41 Kreis-Ambulanzen + Bukarest-Ilfov)(DevelopmentAid)
Slowakei8regionale Operationszentren ZZS SR8 regionale Operationszentren des ZZS SR (155.sk)
Slowenien2medizinische Dispositionszentren2 medizinische Dispatch-Center (Ljubljana, Maribor) – die 13 ReCO sind allgemeine 112-Stellen, nicht rein medizinisch (ETSC)
Spanien26Centro de Emergencias Sanitarias17 autonome Gemeinschaften, Andalusien aber 8 CCUE 061, Kanaren 2 (sspa.juntadeandalucia.es)
Schweden15EMDCs15 EMDCs bei SOS Alarm (ScienceDirect)

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