
Anlässlich der von Bundeskanzler Friedrich Merz angekündigten Empfehlungen zur Schließung der Finanzierungslücke der gesetzlichen Krankenversicherung fordert die Björn Steiger Stiftung, die Reform des Rettungsdienstes als zentralen Bestandteil der anstehenden Sozial- und Gesundheitsreformen zu berücksichtigen. Nach Auffassung der Stiftung bleibt bei den vorgestellten 66 Maßnahmen ein wesentlicher Bereich unzureichend beachtet, in dem sich nach vorliegenden Einschätzungen jährlich drei bis fünf Milliarden Euro einsparen lassen – bei zugleich verbesserter Patientensteuerung und höherer Versorgungsqualität.
Eine Studie des Hamburg Center for Health Economics (HCHE) quantifiziert die finanziellen Effizienzpotenziale einer umfassenden Reform der Notfallversorgung in Deutschland und beziffert Einsparpotentiale zwischen drei und fünf Milliarden Euro jährlich.
Bei der passenden Zuteilung der Patientinnen und Patienten in die erforderlichen Versorgungswege sieht die Björn Steiger Stiftung die Leitstellen in der Pflicht.
Leitstellen als Schlüssel zur besseren Steuerung
Hintergrund: Die Mehrheit der Leitstellen in Deutschland ist bislang vor allem auf die Alarmierung von Rettungswagen und Notärzten ausgerichtet. Dagegen werden Möglichkeiten, Anrufende standardisiert und medizinisch fundiert an andere geeignete Versorgungsangebote zu vermitteln – etwa in den hausärztlichen Bereich, an den ärztlichen Bereitschaftsdienst oder an telefonische Beratungsangebote – aus Sicht der Stiftung bislang nur unzureichend umgesetzt.
Als Folge erkennt die Stiftung eine systematische Fehlsteuerung: Rettungsmittel werden auch dann entsandt, wenn andere Versorgungswege medizinisch ausreichend wären. Gleichzeitig werden in bisherigen Strukturen Kapazitäten gebunden, die für zeitkritische Notfälle benötigt werden. Hinzu kommt, dass in vielen Bundesländern weiterhin eine Abrechnungslogik besteht, die Transporte in Kliniken begünstigt, selbst wenn diese medizinisch nicht notwendig sind. Dadurch entstehen zusätzliche Belastungen in Notaufnahmen und in der stationären Versorgung.
Hohe Kosten, unzureichende Struktur
Nach einer Analyse der Björn Steiger Stiftung ist eine qualitätsgesicherte, medizinisch evidenzbasierte standartisierte Notrufabfrage nur in der überwiegenden Minderheit der deutschen Leitstellen etabliert. In mehreren Nachbarstaaten wie Dänemark, Österreich, Großbritannien, den Niederlanden oder der Schweiz zählt dieses Verfahren dagegen seit vielen Jahren zum Standard. Nach Auffassung der Stiftung ist dies ein wesentlicher Grund für Fehlsteuerungen sowohl bei der Auswahl des Rettungsmittels als auch bei der Entscheidung über die geeignete weitere Versorgung. Die Stiftung sieht darin einen Beitrag zur Erhöhung der Kosten des deutschen Rettungsdienstes von 3,4 Milliarden Euro im Jahr 2014 auf mehr als 7,5 Milliarden Euro im Jahr 2024.
„Die deutschen Leitstellen arbeiten ganz überwiegend nach Verfahren, die eine qualifizierte, medizinisch evidenzbasierte Patientensteuerung nicht ermöglichen“, erklärt Christof Chwojka, Geschäftsführer für den Bereich Rettungsdienst bei der Björn Steiger Stiftung. „Solange wir am alten Verständnis einer reinen Alarmierungsstelle festhalten, statt die Leitstelle zur qualitätsgesicherten medizinischen Steuerzentrale zu machen, ist jeder weitere Euro in neue Technik oder neue Gebäude eine Investition in den Stillstand.“
Rettungsdienst als Teil des Gesundheitssystems verstehen
Einen weiteren strukturellen Reformbedarf sieht die Stiftung in der bisherigen organisatorischen Einordnung des Rettungsdienstes. In vielen Bundesländern ist dieser weiterhin Teil der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr und damit rechtlich nicht integraler Bestandteil des Gesundheitssystems. Nach Einschätzung der Stiftung entspricht dies nicht mehr den Anforderungen an eine moderne medizinische Notfallversorgung.
Zudem kritisiert die Stiftung die Kopplung der Abrechnung an den Transport. Diese setze Fehlanreize für Kliniktransporte, die medizinisch nicht in jedem Fall erforderlich seien.
„Das ist die doppelte Ineffizienz des deutschen Systems“, sagt Christof Chwojka. „Erst schickt eine strukturantiquierte Leitstelle den Rettungswagen zu einem Einsatz, der dort gar nicht hingehört – und dann zwingt das Abrechnungssystem den Rettungsdienst faktisch dazu, den Patienten auch noch in eine Klinik zu fahren, in der er ebenfalls nicht hingehört.“
„Wir reden ausdrücklich nicht über die Qualifikation und die Leistung des Rettungsdienstpersonals“, stellt Pierre-Enric Steiger klar. „Die Einsatzkräfte leisten unter den gegebenen Bedingungen hervorragende Arbeit. Das Problem ist das System – und für dieses System trägt die Politik die Verantwortung.“
116 117 als zweite Reformsäule
Neben der Reform der Leitstellen fordert die Björn Steiger Stiftung den Ausbau der 116 117 zu einer echten medizinisch qualifizierten Gesundheitshotline. Diese soll Anrufende fachlich beraten und in die jeweils passende Versorgungsebene steuern. Als Beispiel verweist die Stiftung auf entsprechende Modelle in europäischen Nachbarländern.
„Die 116 117 muss zu einer solchen Gesundheitshotline werden. Leitstellen und 116 117 sind zwei Seiten derselben Medaille und müssen als integriertes System reformiert werden, und zwar sehr schnell“, so Pierre-Enric Steiger.
Appell im Rahmen der aktuellen Reformdebatte
Vor dem Hintergrund der aktuellen Reformdiskussion auf Bundesebene fordert die Björn Steiger Stiftung, die Modernisierung des Rettungsdienstes nicht als Randthema zu behandeln. Aus Sicht der Stiftung handelt es sich um einen relevanten Beitrag zur Stabilisierung der GKV-Finanzen sowie zur Verbesserung von Patientensicherheit und Versorgungsqualität. In diesem Zusammenhang verweist die Stiftung auf den historischen Beschluss zur bundeseinheitlichen Einführung der Notrufnummern 110 und 112 im Jahr 1973 als Beispiel für eine erfolgreiche länderübergreifende Reformentscheidung.
„Herr Bundeskanzler Merz, Deutschland braucht jetzt genau einen solchen Moment wieder“, appelliert Pierre-Enric Steiger. „Was 1973 der Notruf war, ist heute die Struktur des Rettungsdienstes: ein Thema, das zwischen 16 Bundesländern zerfasert ist, für das sich niemand zuständig fühlt, und das deshalb seit Jahrzehnten stillsteht.“
Die wichtigsten Forderungen der Björn Steiger Stiftung
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