
Das im Frühjahr 2026 erarbeitete Visionspapier zur Zukunft der Leitstellenstruktur in Baden-Württemberg, das DRK, Landesfeuerwehrverband, Landkreistag, Städtetag und Krankenkassenverbände gemeinsam erarbeitet haben, ist ein bemerkenswertes Signal: Erstmals formulieren die wesentlichen Träger und Kostenträger eine gemeinsame Vorstellung davon, wie die derzeit 34 Integrierten Leitstellen im Land zukunftsfähig gemacht werden sollen. Leider greift es an entscheidenden Stellen aber viel zu kurz!
Die Björn Steiger Stiftung begrüßt diesen Schritt grundsätzlich. Gleichzeitig sehen wir es als unsere Aufgabe, eine kritische Einordnung vorzunehmen: Was überzeugt? Wo zeigt das Papier Lücken, die für eine echte Modernisierung des Leitstellenwesens entscheidend sind? Und welche Perspektive fehlt vollständig?
POSITIV
Die Forderung nach gemeinsam genutzter Technikinfrastruktur trifft den Kern. Jede der 34 ILS betreibt heute eine eigene Infrastruktur mit eigenen Redundanzen — das ist ressourcenintensiv, störungsanfällig und technisch zunehmend schwer zu warten.
POSITIV
Das Papier adressiert standortübergreifende Personal- und Dienstplanung, was zu unserer Stiftungsposition passt, dass neue Personalstrategien in Leitstellen dringend nötig sind.
Zentraler Technikstandort statt echter Cloud. Das Papier sieht vor, dass die Infrastruktur des jeweiligen Verbundes an einem zentralen physischen Betriebsort vorgehalten wird. Das ist ein sinnvoller erster Schritt — kann aber kein Endpunkt sein. Wir plädieren für einen konsequenten Cloud-Ansatz, der Leitstellentechnik als Service verfügbar macht, unabhängig von physischen Standorten. Nur so lassen sich maximale Flexibilität, Skalierbarkeit und Ausfallsicherheit realisieren.
Investitionszyklen als Haupttreiber? Die Finanzierungsstrategie hängt weitgehend an der Hoffnung auf Bundesmittel oder am natürlichen Erneuerungszyklus. Das ist zu passiv. Die bestehenden Systeme warten nicht auf günstige Investitionsfenster — Fachkräftemangel, Technikprobleme und steigende Einsatzzahlen sind jetzt. Die Stiftung erwartet, dass das Land Baden-Württemberg aktiv Finanzmittel bereitstellt und nicht nur beobachtet.
Kein messbares Qualitätsziel. Das Papier beschreibt, wie Leitstellen organisiert sein sollen - aber nicht, welche Qualität sie liefern sollen. Kein Wort zu Abfragestandards, zu Hilfsfristen oder zu Outcome-Kennzahlen. Wir vermissen einen klaren Qualitätsanspruch, der die strukturellen Maßnahmen überhaupt erst begründet.
NEGATIV
Wir sehen die Leitstelle als künftigen Gatekeeper, der Patienten aktiv steuert und die Vernetzung von 112 und 116117 vorantreibt.
NEGATIV
Für uns ist die Qualität der Notrufabfrage durch standardisierte Abfragesysteme ein zentrales Thema. Das Papier adressiert ausschließlich Struktur und Technik, nicht die inhaltliche Qualität der Leitstellenarbeit.
NEGATIV
Wir fordern den Rettungsdienst und natürlich auch die Leitstelle ins Gesundheitswesen einzubetten. Das Papier verbleibt vollständig im Kontext von Gefahrenabwehr und Katastrophenschutz.
NEGATIV
Das Papier ist (logischerweise) rein auf Baden-Württemberg ausgerichtet. Wir halten einen bundesweiten Rahmen für zwingend notwendig.
Das Positionspapier der Verbände ist ein Signal eines zaghaften Willens zu einer Veränderung und liefert einen ersten Rahmen für die technische Konsolidierung der Leitstellenlandschaft in Baden-Württemberg. Dafür gebührt den beteiligten Organisationen Anerkennung.
Aber: Ein echtes Visionspapier würde die Leitstelle der Zukunft neu denken - nicht nur die Infrastruktur von vorgestern auf gestern modernisieren. Was Menschen in Not brauchen, ist nicht in erster Linie eine effizientere Serverarchitektur. Sie brauchen eine Leitstelle, die sofort die richtigen Fragen stellt, die richtige Hilfe schickt, den richtigen Weg ins Gesundheitssystem weist -und das zuverlässig, rund um die Uhr, überall im Land.
Diesen Anspruch werden wir gegenüber der Landesregierung weiterhin klar formulieren.
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