
Der Rettungsdienst befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Steigende Einsatzzahlen, zunehmende Komplexität medizinischer Entscheidungen, Fachkräftemangel und wachsende Anforderungen an Qualität und Patientensicherheit treffen auf ein System, das personell vielerorts an seine Grenzen stößt.
In diesem Kontext wird immer wieder über 24-Stunden-Dienste im Rettungsdienst diskutiert. Die Frage ist dabei weniger, ob solche Modelle existieren dürfen, sondern wie sie in eine moderne, verantwortungsvolle Personalstrategie eingebettet werden können - oder ob sie dieser widersprechen.
Der Rettungsdienst braucht heute mehr als zusätzliche Stellen oder kurzfristige Entlastungsmaßnahmen. Er braucht strategische Personalentwicklung. Zentrale Treiber sind:
Zukunftsfähige Systeme entstehen nicht durch Mehrarbeit, sondern durch kluge Strukturen, klare Rollen und wertschätzende Rahmenbedingungen für das Personal.
24-h-Schichten sind historisch gewachsen und werden bis heute unterschiedlich bewertet. Befürworter verweisen auf:
Kritiker benennen dagegen:
Beide Seiten haben valide Argumente. Entscheidend ist daher nicht die Ideologie, sondern die Einordnung in eine übergeordnete Personalstrategie.
Eine zeitgemäße Personalstrategie im Rettungsdienst folgt klaren Prinzipien:
1. Freiwilligkeit und Mitbestimmung: Arbeitszeitmodelle dürfen nicht zum Zwangsinstrument werden. 24-Stunden-Dienste können nur als freiwilliges Angebot mit echter Wahlfreiheit und Beteiligung der Mitarbeitenden funktionieren.
2. Gesundheitsschutz als Grundvoraussetzung: Lange Dienste sind nur vertretbar, wenn ausreichende Ruhe- und Bereitschaftszeiten realistisch gewährleistet sind, Einsatzfrequenzen und Belastung objektiv bewertet werden und systematisches Ermüdungs- und Belastungsmanagement etabliert ist. Wo diese Voraussetzungen fehlen, sind 24-h-Dienste nicht verantwortbar.
3. Vorrang der Patientensicherheit: Personalstrategien dienen nicht allein der Mitarbeiterzufriedenheit, sondern in erster Linie der sicheren Versorgung. Übermüdung erhöht das Fehlerrisiko, das ist medizinisch wie organisatorisch belegt. Arbeitszeitmodelle dürfen diese Risiken nicht verstärken.
4. Einbettung in ein Gesamtkonzept: Ein 24-Stunden-Modell kann strukturelle Defizite nicht kompensieren. Arbeitszeiten sind kein isoliertes Steuerungsinstrument. Sie müssen eingebunden sein in klare Kompetenz- und Aufgabenprofile, leistungsfähige Leitstellenstrukturen, intelligente Einsatzsteuerung und gezielte Qualifikation und Personalentwicklung
Während im Fahrdienst unter sehr spezifischen Voraussetzungen über lange Dienstformen diskutiert wird, gibt es für 24-Stunden-Dienste in Leitstellen keinen fachlich tragfähigen Raum. Leitstellenarbeit ist hochverdichtete, dauerhaft kognitive Tätigkeit: kontinuierliche Aufmerksamkeit, parallele Informationsverarbeitung, Entscheidungsfindung unter Zeitdruck und hohe Verantwortung für Menschenleben.
Es ist ein wesentliches Anliegen der Björn Steiger Stiftung auf veränderte Anforderungen, steigende Komplexität und die Notwendigkeit professioneller, leistungsfähiger Leitstellenstrukturen hinzuweisen. Personalstrategien für Leitstellen müssen daher konsequent auf Ermüdungsvermeidung, Konzentrationsfähigkeit und nachhaltige Leistungsfähigkeit ausgerichtet sein. Modelle, die extreme Schichtlängen zulassen, widersprechen diesem Ansatz fundamental.
Anders als im Fahrdienst gibt es in Leitstellen keine belastbaren Ruheanteile, keine planbaren Bereitschaftsphasen und keine sicherheitsrelevante Rechtfertigung für 24-Stunden-Dienste. Aus personalstrategischer wie aus patientensicherheitsrelevanter Sicht gilt daher eindeutig: Moderne Leitstellen brauchen flexible, gesundheitsverträgliche Schichten – keine Ausdehnung von Arbeitszeiten. Informationen zu geänderten Personalstrategien in Leitstellen finden Sie HIER
Die Björn Steiger Stiftung fordert ein generelles Umdenken: Weg von kurzfristigen Belastungsverschiebungen, hin zu systemischer Verantwortung für Personal und Qualität.
24-Stunden-Dienste im Fahrdienst sind kein Widerspruch zu modernen Personalstrategien – aber auch kein Selbstzweck. Sie können Bestandteil einer zukunftsfähigen Rettungslandschaft sein, wenn sie differenziert, freiwillig und gesundheitsverträglich eingesetzt werden. Als pauschale Lösung für Personalengpässe oder steigende Einsatzzahlen sind sie hingegen ungeeignet.
Der Rettungsdienst braucht keine Rückkehr zu alten Mustern, sondern klug gestaltete Optionen.
24-Stunden-Dienste im Fahrdienst (nicht in Leitstellen) können eine solche Option sein – unter klaren, überprüfbaren Bedingungen. Entscheidend ist nicht die Länge der Schicht, sondern die Frage: Dient dieses Modell den Menschen im System – und damit auch den Patientinnen und Patienten?
Eine moderne Personalstrategie gibt darauf keine einfache, aber eine verantwortungsvolle Antwort.
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